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Das Manifest der Kartoffel - Santiago de Chile , 2007

An diesem Tag, unter diesem Himmel, über dieser Erde, die Zeuge vieler historischer Ereignisse
ist, heiße ich die Frucht willkommen, welche so viele Leben an vielen Orten der Erde gerettet hat,
welche beliebt und geschätzt ist bei den Menschen, wie keine andere. In Deutschland nennt man
sie auch „Erdapfel“. Viele Jahre lang fürde sie geraubt, verfrachtet und von ihrem Heimatkontinent
entfernt, um in Europa zunächst verachtet, ja sogar als dämonisch gefürchtet zu werden.
Daraufhin ließ Wilhelm der II. die  Kartoffel von Soldaten bewachen und die Menschen erkannten
ihre Bedeutung. So wurde der Aberglaube, die Kartoffel sei dämonischen Ursprungs, im Jahr
1738 überwunden. Ihre Gebrauchs- und Verzehrsmöglichkeiten sind unzählige, große Männer
erforschten sie: Der Abt Molina, Claudio Gay, Alexander Humboldt.

Ich als Instrument der modernen Kunst weise hier auf ihre Bedeutung hin, indem ich sie 18.000
km weit transportiere und damit zurückbringe an ihren Geburtsort und in jene Hände lege, welche
das Blut derer in sich tragen, die sie zum ersten Mal ausgruben. Indigene Hände, ohne Zweifel,
Hände unserer Ursprungsvölker mit dem Namen Mapuche, Leute der Erde.
Eines regnerischen Tages, während ich ziellos in einer deutschen Stadt namens „monasterium“
herumirrte, fand ich dich: Cilena, 1,50 € / kg. Dieser Name ging mir nicht aus dem Kopf, ohne dass
ich wusste, warum; bis ich eines Tages durch Zufall mit meinem Nachbarn, dem italienischen
Emigranten Herr Favara, auf das Thema kam. Er lachte und sagte, das ist sicher ein Scherz, den
„cilena“ bedeutet auf Italienisch „chilenisch“.

Ich erinnerte mich an all meine Träume, mein Heimweh, den Geruch der VIII. Region Chiles, Ort
an dem ich zum ersten Mal das Licht der Welt erblickte, die Sonne, auch Antú genannt, bei uns
in Chiguayante. All diese Erinnerungen schossen mir durch den Kopf, wie eine Herde von
tausend galoppierenden Pferden, bis ich schließlich hier ankam, mit meiner bescheidenen Gabe.
Die Wiederkehr ist der lang ersehnte Schatz eines jeden Emigranten, welcher seit langem von
den Düften, idealisierten Bildern einer Welt träumt, welche nur in der Erinnerung existiert.
Erinnerung an eine unbändige Liebe zu meinen Wurzeln, meiner Herkunft, welche mir die Kraft
gibt, zu erschaffen und mich eins zu fühlen mit einem großen Ganzen. Ich erweise dir Respekt,
Mestizin, Cilena, Chilenin, welche auf Segelschiffen von einem Strand zum anderen kam, wie
durch ein Wunder gefunden von irischen Händen, welche dich ohne Zögern ein Geschenk Gottes
nannten.

Dich bringe ich an diesem Tag, dem 20. Oktober 2007 in einer Ehrenplinthe mit meinen eigenen
Händen zurück. Du bist daheim. Erdapfel. Solanum Tuberosum.



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